Diese Frage wird mir mittlerweile regelmäßig gestellt. Die meisten Menschen verbinden Künstliche Intelligenz mit ChatGPT, automatisierten Texten oder beeindruckenden Bildgeneratoren. Für mich begann die Auseinandersetzung mit diesem Thema jedoch deutlich früher – lange bevor KI zu einem öffentlichen Trend wurde.
Damals ging es noch nicht um Sprachmodelle oder digitale Assistenten, sondern um eine klassische betriebswirtschaftliche Fragestellung: Wie wirtschaftlich ist es, menschliche Arbeit durch neue Technologien zu ersetzen?
Gemeinsam mit der HTB Hoch- und Tiefbaustoffe GmbH, Schwenk, BASF – später Master Builders Solutions – sowie ArcelorMittal habe ich an der Hochschule Magdeburg-Stendal mehrere Jahre an Faserbeton geforscht. Ziel war es, die von Menschen geflochtenen Bewehrungskörbe in Betonfertigteilen teilweise oder vollständig durch Stahl- und Kunststofffasern zu ersetzen.
Die Idee war einfach: Weniger Handarbeit, weniger Fertigungszeit, mehr Automatisierung.
Technisch funktionierte vieles erstaunlich gut. Wirtschaftlich zeigte sich jedoch ein anderes Bild. Die benötigten Fasern machten die Betonmischungen so teuer, dass die Einsparungen bei der Arbeitszeit weitgehend aufgezehrt wurden. Gleichzeitig war Baustahl zu dieser Zeit vergleichsweise günstig. Am Ende stand die Erkenntnis, dass eine innovative Technologie nicht automatisch wirtschaftlicher sein muss als ein etablierter Prozess.
Genau an diese Erfahrungen fühle ich mich erinnert, wenn heute über Künstliche Intelligenz gesprochen wird.
Auch wir bei Atelier Seiffarth beschäftigen uns intensiv mit neuen Technologien. Seit über einem Jahr nutzen wir ChatGPT im Büroalltag. Darüber hinaus haben wir Testläufe mit LUNA von Elitecad, BAU AI von WEKA und weiteren Anwendungen durchgeführt. Unser Anspruch ist dabei nicht, moderne Technik um ihrer selbst willen einzusetzen, sondern herauszufinden, wo sie tatsächlich einen Mehrwert schafft.
Zu Beginn war die Begeisterung groß. Die Vorstellung, Abläufe zu automatisieren, Prozesse zu standardisieren und möglichst viele Routinetätigkeiten an die KI zu delegieren, klang verlockend. Doch je intensiver wir die Systeme nutzten, desto deutlicher wurden ihre Grenzen.
Ja, KI kann Zeit sparen.
Ja, KI kann Texte formulieren, Informationen strukturieren und bei wiederkehrenden Aufgaben unterstützen.
Ja, KI kann in bestimmten Bereichen bereits heute produktiver sein als ein Mensch.
Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob etwas schneller geht, sondern ob der gesamte Prozess dadurch besser wird.
Unsere bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die tatsächlichen Zeitersparnisse aktuell häufig geringer ausfallen als in vielen Werbeversprechen dargestellt. Im Büroalltag schätzen wir die Effizienzsteigerung derzeit auf etwa fünf Prozent der geleisteten Arbeitszeit. Das ist durchaus spürbar, aber noch weit entfernt von den oft angekündigten Revolutionen.
Gleichzeitig entstehen neue Aufwände. Ergebnisse müssen kontrolliert werden. Quellen müssen geprüft werden. Fachliche Aussagen benötigen weiterhin die Bewertung durch qualifizierte Personen. Aus einer eingesparten Arbeitsstunde wird häufig eine halbe Stunde Kontrolle und Nachbearbeitung.
Noch wichtiger erscheint mir jedoch ein anderer Aspekt.
Arbeit besteht nicht ausschließlich aus Produktivität.
Gerade in einem Architekturbüro entstehen viele Lösungen im Gespräch. Ideen entwickeln sich im Austausch mit Kollegen, Fachplanern, Bauherren und Behörden. Ein großer Teil unserer Arbeit lebt von Erfahrung, Intuition, Verantwortung und zwischenmenschlicher Kommunikation.
Je mehr Prozesse automatisiert werden, desto stärker stellt sich die Frage, welchen Wert wir dem menschlichen Miteinander beimessen.
Wir verfolgen bei Atelier Seiffarth seit Jahren den Grundsatz: „Wir schaffen unsere Arbeit selbst ab.“
Das klingt zunächst widersprüchlich. Gemeint ist jedoch, dass wir kontinuierlich nach besseren, effizienteren und intelligenteren Arbeitsweisen suchen. Wenn eine Tätigkeit automatisiert werden kann, sollte sie automatisiert werden. Wenn ein Prozess vereinfacht werden kann, sollte er vereinfacht werden.
KI ist dafür ein hervorragendes Werkzeug.
Aber eben ein Werkzeug.
In unserem Arbeitsumfeld bewegen wir uns zwischen Vergabeverordnung, Unterschwellenvergabeordnung, Landesbauordnungen, Bundes-Immissionsschutzgesetz, technischen Regelwerken, Normen, Förderrichtlinien und den individuellen Anforderungen jedes einzelnen Bauherrn. Diese Vielzahl von Vorschriften muss nicht nur verstanden, sondern in funktionierende Gebäude übersetzt werden.
Hier liegen aktuell noch die Grenzen der Künstlichen Intelligenz.
Sie kann unterstützen.
Sie kann Vorschläge machen.
Sie kann Zusammenhänge erläutern.
Die Verantwortung für die richtige Entscheidung trägt jedoch weiterhin der Mensch.
Deshalb lautet meine Antwort auf die Frage „Ab wann brauche ich KI?“ nicht: möglichst früh oder möglichst viel.
Sondern:
Dann, wenn sie einen echten Mehrwert schafft.
Nicht jede neue Technologie ist automatisch wirtschaftlicher. Nicht jede Automatisierung verbessert die Qualität. Und nicht jede eingesparte Minute rechtfertigt zusätzliche Kosten oder den Verlust von persönlichem Austausch.
KI wird die Arbeitswelt verändern. Daran bestehen nur wenige Zweifel.
Ob sie jedoch Menschen ersetzt oder Menschen dabei hilft, bessere Arbeit zu leisten, hängt am Ende weniger von der Technologie selbst ab als von der Art, wie wir sie einsetzen.
Kai Seiffarth | 0176-41736870 | atelier@seiffarth.art